Pricing-Newsletter No. 84 (2024): Auch im Pricing auf Narrative setzen.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

am 2. April lese ich im Handelsblatt die folgende Subline: „Die hohen Energiepreise seien Schuld am Zustand der Wirtschaft, heißt es oft. Eine IWF-Analyse zeigt: Die Erzählung stimmt nicht.“

Erzählungen finden wir also auch in der Wirtschaft – Narrative überall. Es erscheinen sogar ökonomische Lehrbücher über Narrative, so von Robert J. Shiller mit dem Titel Narrative Economics.

Da drängt sich mir die Frage auf, ob es auch im Pricing Narrative gibt – und ob wir sie sinnvoll verwenden können. Sind Narrative vielleicht sogar ein wirksames Instrument, um Preisstrategien besser umsetzen zu können?

Viel Spaß bei der folgenden Lektüre wünscht Ihnen

Ihr Prof. Dr. Hans-Christian Riekhof

Prof. Dr. Hans-Christian Riekhof

Narrative haben ihren Platz längst auch im Pricing erobert. In diesem Newsletter finden Sie einige Beispiele und erfahren, wie Sie diese als wirksames Instrument nutzen, um Preisstrategien besser umsetzen zu können.

Sie interessieren sich für das eben erwähnte Buch von Robert J. Shiller „Narrative Economics“? Hier erfahren Sie mehr: www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1055340304

Narrative im Pricing

„Narrative Economics“ – ökonomische Lernliteratur von Robert J. Shiller
Quelle: © thalia.de

Narrative: eine Begriffserklärung

Zunächst sollten wir uns vielleicht mit dem Begriff „Narrative“ auseinandersetzen. In meinem RSEC-Modell des Pricing (siehe Pricing-Newsletter No. 10 und No. 11) kommt der Begriff so direkt nicht vor. Aber wir werden schnell sehen, wo die indirekten Bezüge offensichtlich sind.

Narrative als Alltagstheorien

Narrative kann man auch als Alltagstheorien übersetzen, als (vereinfachende) Erklärungsversuche in einer als zunehmend komplex wahrgenommenen Welt. Menschen haben ein natürliches Bedürfnis, überall kausale Zusammenhänge zu entdecken, selbst wenn es diese gar nicht gibt. Und das Storytelling ist schon zur eigenen Disziplin im Content Marketing – siehe hierzu meine empirische Studie „Riekhof/Jacobi: Contenmarketing-Strategien in der Unternehmenspraxis“, die ich zusammen mit Theresa Jacobi erstellt habe. Und Menschen lieben nun mal Geschichten. Je nach Gemütszustand und Geistesverfassung kann auch eine Vorliebe für Verschwörungstheorien entstehen, die einer Überprüfung an der Wirklichkeit dann lieber nicht unterzogen werden.

Narrative im Pricing

Narrative im Pricing: die ungeprüften Annahmen der Unternehmensleitung

Manchmal kann man Narrative auch als die festgefahrenen, vielleicht auch überkommenen Annahmen und Irrtümer der Unternehmensleitung interpretieren, als Hypothesen, die keiner empirischen Überprüfung standhalten. Da ist es angeraten, diese Annahmen sorgfältig auf den (empirischen) Prüfstand zu stellen (vgl. zum Beispiel meinen Pricing-Newsletter No. 74).

Narrative im Pricing: Porsche und die Produktionsmengen

Lassen Sie uns zunächst ein paar Beispiele betrachten, wie Narrative einen Platz im Pricing erobert haben. Ein Klassiker ist für mich die Aussage „Wir produzieren immer ein Auto weniger als der Markt verlangt“, die vom seinerzeitigen Porsche-CEO Wendelin Wiedeking stammt. Er setzte fort: „Wir werden die Märkte nicht mit Fahrzeugen vollpumpen, für die keine Nachfrage besteht.“ Diese Aussage zielt natürlich darauf ab, Diskussionen um Nachlässe auf den Listenpreis zu unterbinden.

Narrative im Pricing

Das Narrativ: „Porsche produziert immer ein Fahrzeug weniger als der Markt verlangt.“
Quelle: iStockphoto

Eine gute Geschichte mit einer klaren (preisbezogenen) Botschaft, die sich auch andere Hersteller zu eigen machen könnten. So mancher Geschäftsführer (und Produktions-Vorstand) sollte über dieses Narrativ einmal länger nachdenken.

Narrative im Pricing: TCO im Truck-Business

Ein zweites Beispiel stammt aus dem B2B-Umfeld, und zwar aus dem Bereich Nutzfahrzeuge. Hier war es ein gängiges Narrativ, dass der Einkauf von Transportunternehmen bei der Beschaffung von LKW nur eine wichtige Kern-Kennzahl betrachtet: die sogenannten TCO – die Total Cost of Ownership. Nutzfahrzeuge sollen also über ihren Lebenszyklus unter Einbeziehung aller Kosten eine möglichst günstige Kostenbilanz haben, um im Wettbewerb bestehen zu können. Nicht eine Kostenart wie etwa der einfach zu messende Kraftstoff-Verbrauch oder der Wertverlust, sondern die Summe der Kosten pro gefahrenem Kilometer seien die alles entscheidende Größe, so die Erzählung.

Narrative im Pricing

Das Narrativ: „Total Cost of Ownership ist wichtigstes Investitionskriterium bei Nutzfahrzeugen.“
Quelle: iStockphoto

Sie erwies sich empirisch leider als falsch, was wir seinerzeit in Kunden-Workshops herausgefunden haben. Denn keiner der von uns befragten Unternehmen konnte auch nur annähernd sagen, wie hoch denn diese TCO tatsächlich waren, geschweige denn die Unterschiede zwischen Wettbewerbs-Marken quantifizieren. Der TCO-Gedanke gehört hier also also eher in die Kategorie des „wishful thinking“, taugt also nicht für die Rechtfertigung von Preisen.

Eine schöne Geschichte illustriert eine ganz andere Art von Marken-Präferenz in einem anscheinend so „rationalen“ Geschäftsumfeld: Auf die Frage, warum der Unternehmer seit vielen Jahren ausschließlich auf Mercedes-LKW setzt, war die Antwort: „Mein Großvater hat die Firma gegründet, und er hat auch schon Mercedes gekauft.“ So ist das also mit den Narrativen.

Narrative im Pricing: Made in Germany

Ein historisches Beispiel für Narrative in der Wirtschaft ist das „Made in Germany“, das seinerzeit die Produkte aus deutscher Fertigung als minderwertig diskriminieren sollte. Leider hat sich dann herausgestellt, dass diese Produkte qualitativ durchaus ebenbürtig und vielleicht sogar qualitativ besser waren – das Narrativ „Made in Germany“ erhielt eine vollkommen neue Bedeutung und wurde indirekt zur Rechtfertigung für ein angemessenes Pricing.

Narrative im Pricing: Preiskriege und Rabattschlachten

In den Medien ist sehr häufig von Preiskriegen und Rabattschlachten die Rede. Wenn ALDI und LIDL die Preise für Margarine, Toastbrot oder Milch senken und dadurch eine hohe mediale Aufmerksamkeit erzeugen, dann handelt es sich mitnichten um Kriege oder Schlachten, bei denen es auch nur im Entferntesten um die Existenz der Unternehmen geht. Betroffen sind maximal 10 oder auch 20 von vielleicht 5.000 oder 10.000 Artikeln; man kann das nicht einmal auch nur als ein kleinstes Scharmützel bezeichnen.

Natürlich ist es den Unternehmen recht, wenn die Medien daraus einen Krieg oder eine Schlacht machen, weil das auf das Image eines um extrem günstige Preise kämpfendes Unternehmen einzahlt. Dafür ist nicht einmal ein Werbebudget erforderlich. Aber es passt auch nicht in unsere Zeit, mit Begriffen wie „Krieg“ und „Schlacht“ so leichtfertig umzugehen.

Narrative im Pricing: „Wir müssen uns am Marktpreis ausrichten.“

Ein Narrativ, das mir in unseren Pricing-Projekten häufig begegnet, ist die Aussage, dass es für bestimmte Marktsegmente einen Marktpreis gebe, der quasi als klare Vorgabe und Richtlinie für das eigene Pricing anzusehen ist. Damit habe ich mich in meinem Pricing-Newsletter No. 82 auseinandergesetzt. Mein Fazit: der Marktpreis gehört zu den Illusionen (quasi als Sonderform des Narrativs), die im Grundstudium der Wirtschaftswissenschaften erzeugt wird. In der Wirklichkeit ist er nur sehr schwer empirisch fassbar.

Narrative im Pricing: „Online und Offline Preise müssen identisch sein.“

In den Pricing-Projekten, die wir für Cross Channel Retailer durchgeführt haben, die also ein weitgehend identisches Sortiment stationär und online anbieten, ist uns häufig das Narrativ begegnet, dass Kunden identische Preise online und offline erwarten. Empirische Evidenz für dieses Narrativ hat keiner dieser Retailer vorweisen können – aber Narrative müssen ja auch nicht wahr sein.

Wir kennen zahlreiche Beispiele, wo höhere Preise für Markenartikel im Store akzeptiert werden. Schließlich will man das Produkt direkt mitnehmen und zu Hause ausprobieren, anstatt es liefern zu lassen und dann den Zusteller zu verpassen. Und auch den umgekehrten Fall kennen wir: wer das Gartenhaus im Baumarkt nicht direkt mitnimmt, sondern es lieber online bestellt, zahlt freiwillig mehr. Schließlich wird es dann direkt nach Haus und an die Gartenpforte geliefert.

Narrative im Pricing: „Bei Ausschreibungen zählt allein der Preis.“

Ein letztes weit verbreitetes Narrativ sei abschießend erwähnt: „Wir bekommen bei Ausschreibungen nur den Zuschlag, wenn wir die günstigsten Anbieter sind.“ Hierzu empfehle ich meine Pricing-Newsletter No. 61 und No. 70, in denen ich mich mit diesem Narrativ auseinandersetze. In dieser verabsolutierenden Form ist es jedenfalls auf keinen Fall haltbar.

Narrative im Pricing: die mentalen Abkürzungen der Kunden verstehen

Doch welche Empfehlungen gibt es, wie mit Narrativen im Pricing umzugehen ist? Es liegt auf der Hand, dass Verbraucher bei ihren vielen täglichen Kaufentscheidungen nur einen begrenzten Aufwand betreiben können, um die Vor- und Nachteile eines Produktes gegeneinander abzuwägen. Sie haben auch eingefahrene Verhaltensmuster, die sich offensichtlich bewährt haben.

Ihnen liegen oftmals vereinfachende Erklärungen und Rechtfertigungen für diese Verhaltensweisen zugrunde – ich bezeichne das als die mentalen Abkürzungen, die die Kunden verwenden. Sie haben eine große Ähnlichkeit mit Narrativen. Wir sollten diese Narrative kennen und bei den eigenen Kommunikationsstrategien in Rechnung stellen.

Narrative im Pricing: vom Marketing die „richtigen“ Geschichten erzählen und inszenieren lassen

Eine weitere Empfehlung lautet, im Zweifelsfall Gegen-Narrative zu entwickeln und zu verbreiten, die aus der eigenen Perspektive eine angemessenere „Geschichte“ über den Markt und seine Eigenheiten erzählt. IKEA ist hier wiederum ein schönes Beispiel: 2.000 Produkte (von etwa 50.000) werden im Preis gesenkt, und diese Preisstrategie wird großflächig beworben (siehe meinen Pricing-Newsletter No. 79). Die Geschichte ist klar: IKEA arbeitet hart daran, die Inflation zu beenden. Und wer kann schon beurteilen, ob es die Bestseller sind, die im Preis gesenkt wurden, oder nur ein paar eher unwichtige Slow Runner?

Ihr Prof. Dr. Hans-Christian Riekhof

Narrative im Pricing

Narrative im Pricing: IKEA senkt 2.000 Produkte im Preis.
Quelle: iStockphoto

Narrative im Pricing: „Jeder hat die Kunden, die er verdient.“

Ein Narrativ, das wir sehr gerne im Rahmen von Pricing-Projekten verwenden, ist die Aussage: „Jeder hat die Kunden, die er verdient.“ Hintergrund und Basis ist unsere LSDC-Matrix (siehe meinen Pricing-Newsletter No. 46), auf deren Basis Unternehmen ihr Kunden-Portfolio unter dem Aspekt des Pricing bewerten können. Die Preisstrategie dient ja unter anderem dazu, die „strategisch richtigen“ Kunden zu selektieren. Und wer wir seinerzeit die Baumarktkette Praktiker „20 % auf alles – außer Tiernahrung“ gibt, selektiert die Schnäppchen-Jäger, bindet aber keine Stammkunden. Wie das endet, ist bekannt.

Welche Narrative kennzeichnen das Pricing in Ihrer Branche? Und halten sie einer empirischen Prüfung stand? Ich freue mich auf Beispiele, die Sie gerne an riekhof@nullunicconsult.com senden können.

Mit besten Wünschen und bis zum nächsten Pricing-Newsletter – und vielleicht sehen wir uns ja bald in Hamburg in einem meiner Pricing-Seminare?

Ihr Prof. Dr. Hans-Christian Riekhof

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