Pricing-Newsletter No. 82 (2024): Die Preisfrage: Wer kennt den Marktpreis?
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
im Rahmen unserer Pricing-Workshops frage ich in der Regel, an welchen Größen sich die Preise im eigenen Unternehmen ausrichtet. Die Frage zielt darauf ab herauszufinden, ob die Firmen eher auf ein Cost based Pricing, auf ein Competition based Pricing, also die vornehmliche Ausrichtung am Wettbewerb, oder auf den Kunden im Sinne eines Value Based Pricing setzen.
Relativ häufig bekomme ich die Antwort: „Wir müssen uns konsequent am Marktpreis ausrichten.“ Das gilt dann nicht unbedingt für alle Kunden und Produkte, aber doch für einen erheblichen Teil des Geschäftes. In diesem Pricing Newsletter möchte ich gemeinsam mit Ihnen darüber nachdenken, was der Marktpreis ist, woher wir ihn kennen und ob er als Größe für das Pricing überhaupt taugt.
Viel Freude bei der folgenden Lektüre wünscht Ihnen
Ihr Prof. Dr. Hans-Christian Riekhof
Was ist ein Marktpreis?
Lassen wir uns doch helfen, und fragen wir als erstes ChapGPT nach einer Definition des Terminus „Market Price“ (21.2.2024):
„Market price refers to the current price at which goods, services, or assets are traded in an open market between buyers and sellers. It is determined by the forces of supply and demand, reflecting the prevailing balance between what buyers are willing to pay and what sellers are willing to accept.
Market price can fluctuate based on various factors such as changes in supply and demand conditions, shifts in consumer preferences, alterations in production costs, and external economic events. It serves as a crucial indicator of the value or worth of a particular item in the marketplace at any given time.“
So weit so gut. Eine generische und eher theoretische Definition. Die Kernfrage ist doch, woher die zuständigen Führungskräfte reliable und valide Informationen über konkrete Marktpreise in definierten Marktsegmenten erhalten.
Und die zweite, ebenso wichtige Frage ist, welche Mengen eben zu diesem Marktpreis abgesetzt worden sind (oder noch besser: abgesetzt werden können).
Voraussetzungen für die Existenz eines Marktpreises
Wenn wir an der Idee, dass ein Marktpreis nicht nur eine modelltheoretische Fiktion ist, sondern wirklich existiert, für einen Moment festhalten, dann müssen wir uns kurz die Voraussetzungen vergegenwärtigen:
- Es muss sich um vollkommen identische Produkte in eben diesem Markt oder Marktsegment handeln.
- Es muss eine größere Zahl unabhängiger und gleichwertiger Anbieter geben.
- Es muss ebenso eine größere Zahl unabhängiger Nachfrager geben.
- Die Marktteilnehmer haben keine Präferenzen für Anbieter oder Nachfrager.
- Der Markt muss räumlich und zeitlich eindeutig abgrenzbar (und hinreichend groß) sein.
Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis – in der Theorie.
Quelle: © iStockphoto
Marktpreise entstehen an Börsen und in Auktionen
Diese idealen Bedingungen sind am ehesten an Börsen gegeben, vielleicht auch bei Auktionen. Aber welchen Anteil Ihres Geschäftes wickeln Sie über Börsen und Auktionen ab?
Und schon bei Ausschreibungen gibt es Präferenzen für Anbieter und zu erfüllende qualitative Kriterien neben dem finalen Angebots-Preis, die die letztliche Entscheidung und Vergabe beeinflussen. Und von unseren Projektpartnern wissen wir, dass man auch schon mal zum Nachbessern einzelner Positionen einer Ausschreibung aufgefordert wird, wenn die Preise noch nicht ganz passen. Das Thema Ausschreibungen werde ich in einem der nächsten Newsletter noch ausführlicher aufgreifen. Von „Marktpreis“ kann man aber hier wohl eher nicht sprechen.
Marktpreise in der Praxis
In der unternehmerischen Praxis ist immer wieder vom Marktpreis als Orientierung die Rede, wenn es um die Festlegung der eigenen Preise geht. Doch es gibt offensichtlich ein paar handfeste Probleme mit dem „Marktpreis“, denen ich mich im Folgenden zuwenden möchte.
1. Woher kommen die „Marktpreise“ und die entsprechenden Volumina?
Im Bereich der Konsumgüter sind die Budgets für Marktforschung in der Regel deutlich höher als im Bereich der Industriegüter. Die Märkte sind in gewisser Weise anonymer, weil Hersteller ihre teilweise Millionen Kunden nicht wirklich kennen, sie brauchen also Dienstleister für die systematische Marktforschung. Ferner sind die Produkte in vielen Segmenten auch homogener (oder zumindest aus Verbrauchersicht weitestgehend austauschbar). Man spricht von Marken-Parität, wenn es aus Verbrauchersicht eigentlich egal ist, ob ich die Zahnpasta A oder B kaufe.
Das führt dazu, dass große und internationale Marktforschungs-Institute wie etwa Nielsen oder die GfK in Nürnberg Marktdaten (also Preise und Mengen) systematisch aufbereiten. Hinzu kommen viele Marktforschungs-Institute, die ähnliche Daten für bestimmte Branchen anbieten.
Diese Daten sind aber in den allermeisten Fällen vergangenheitsbezogen. Sie werden oftmals mit Hilfe von Panels für bestimmte Zeiträume erfasst. Und sie sind schon wegen der Fallzahlen regional aggregiert, bilden also einen Durchschnittswert, etwa für Deutschland, für die sog. Nielsen-Gebiete oder für Europa. Darauf komme ich zurück.
Für den Bereich der Industriegüter ist die Datenlage in der Regel deutlich schlechter, weil Produkte und Services sehr viel stärker auf die Kundenforderungen zugeschnitten werden. Marktdaten, Marktpreise und Marktvolumina können also selten in differenzierter Form von entsprechenden Instituten „eingekauft“ werden.
In eng abgegrenzten Regionen bilden sich Marktpreise.
Quelle: UCS GmbH
2. Wie aktuell sind die Marktpreise und -volumina?
Wie schon erwähnt, handelt es sich in der überwiegenden Zahl der Fälle um ex post erfasste Daten. Zwischen dem Vorliegen der Markt-Berichte und den aktuell zu fällenden Preisentscheidungen liegt also ein u.U. erheblicher time lag.
Sehr aktuell sind natürlich die Preise und Mengen von Wertpapieren, die an Börsen gehandelt werden. Abb. 3 zeigt aber, dass es auch hier sehr kurzfristige Schwankungen und abweichende Kurse je nach Handelsplatz gibt. Ein Marktpreis ist dann auch hier immer nur ein Durchschnittswert für einen abgegrenzten Zeitraum.
Kurse der Nvidia Aktie am 5.3.24: existiert ein „Marktpreis“?
Wie wichtig ein zeitlicher Informations-Vorsprung in Bezug auf Angebot und Nachfrage spielen kann, zeigt ein detaillierter Blick auf Finanzmärkte. Hier werden im Segment des Sekundenhandels extrem kurzfristige Kursschwankungen für Arbitrage-Geschäfte genutzt.
Um einen Informationsvorsprung von Sekunden-Bruchteilen zu erzielen, hat sich die Investition in Glasfaser-Kabel über den Atlantik gelohnt, um daraus einen Wissensvorsprung und einen Vorteil im weitgehend automatisierten und algorithmen-basierten Trading zu erzielen. Wer von Marktpreisen spricht, muss also schon sehr genau sagen, für welchen Zeitraum dieser Marktpreis gemessen wurde – und welche Volumina zu diesem Marktpreis abgesetzt wurden.
3. Wie gut sind die Marktpreise und -volumina aufbereitet?
Wenn Marktpreise und -volumina nicht quasi automatisch auf der Basis digitaler Prozesse gemessen werden können, handelt es sich also eher um in Stichproben oder Panels gewonnene aggregierte Daten aus der Vergangenheit.
Interessant ist die Möglichkeit, im Bereich des e-commerce von Dienstleistern mit Hilfe von Price Crawlern Daten aufbereiten zu lassen. Allerdings haben diese in der Regel den großen Nachteil, dass Preise und deren Veränderungen zwar extrem detailliert aufgezeichnet werden können, dass aber über die zu diesen Preisen abgesetzten Mengen selten Informationen vorliegen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, was denn der „Marktpreis“ ist, wenn er innerhalb einer Stunde fünf Mal verändert wird.
In Online-Marktsegmenten entsteht eine partielle Preis-Transparenz – aber nicht unbedingt verbunden mit Mengen-Transparenz.
Quelle: © iStockphoto
An dieser Stelle ist ein grundsätzlicher Hinweis angebracht. Bei der Verwendung des arithmetischen Mittels in sozialen (und damit auch wirtschaftlichen) Fragestellungen sollten Sie grundsätzlich sehr vorsichtig sein. Mit Hilfe von Mittelwerten werden Daten verdichtet bzw. aggregiert; dabei gehen zwangsläufig Informationen verloren.
Insbesondere die Streuung der ursprünglichen Daten ist ein wichtiger Aspekt. Deshalb sollte zu jedem Mittelwert auch ein Streuungsmaß, zum Beispiel die Standardabweichung, genannt werden. Allerdings habe ich die zur korrekten Interpretation eines Mittelwertes erforderliche Angabe eines Parameters für die Streuung der Daten in den Berichten, die ich aus meiner eigenen Praxis kenne, extrem selten gesehen.
Lassen Sie uns das an einem praktischen Beispiel durchdenken (auf das unter anderem Nicholas Taleb eindringlich hingewiesen hat).
Wie entstehen Einkommens-Millionäre bei der morgendlichen Fahrt in der S-Bahn?
Stellen Sie sich vor, dass Sie in der S-Bahn die Chance hätten, das durchschnittliche Einkommen aller 500 Fahrgäste zu errechnen. Es liegt wohl nicht weit entfernt vom Durchschnitt aller Bundesbürger, vielleicht ein wenig beeinflusst von der Region und vom Stadtviertel. Und in der nächsten Station steigt Bill Gates ein. Dann werden alle Mitfahrer auf dem Weg zur Arbeit zu statistischen Millionären. Eine eindringliche Warnung vor der unkritischen Verwendung des Mittelwertes in sozialen Zusammenhängen!
Man muss also die Ausreißer wie auch das Streuungsmaß kennen, wenn man mit Mittelwerten arbeitet, und ggf. müssen die Daten mit entsprechenden statistischen Verfahren bereinigt werden. Wenn Ihnen als Marktpreise also Durchschnittspreise genannt werden, dann fragen Sie einfach mal nach der Standardabweichung.
4. Welche Rolle spielen Transaktionskosten im Rahmen der Marktpreis-Bildung?
In der neoklassischen ökonomischen Theorie gibt es keine Transaktionskosten. Das sind Kosten, die für die Anbahnung, die Durchführung und den Abschluss einer Markttransaktion anfallen, also beispielsweise Kosten der vertraglichen Absicherung von Risiken oder auch die Informationskosten im Vorfeld einer Transaktion.
Das ist natürlich ziemlich wirklichkeitsfremd. Deshalb unterstellt man heute auch in der ökonomischen Theorie, dass Transaktionskosten einen wichtigen Einfluss auf Kaufentscheidungen haben. Werden die Transaktionskosten in den Berichten zur Entwicklung von Marktpreisen angemessen dargestellt? Machen vielleicht sogar die Transaktionskosten den eigentlichen Unterschied, ob ein Geschäft zustande kommt?
Wir haben verschiedene Pricing-Projekte im Bereich von vollkommen austauschbaren Commodities durchgeführt (denken Sie etwa an Sand und Kies, wo sogar die Körnung genau vorgeschrieben wird). Vor allem die Transaktionskosten machen hier den entscheidenden Unterschied. Danken Sie nicht nur an die naheliegenden Transportkosten, sondern auch an Kosten der Vertragsabwicklung und Informationsbeschaffung, an Versicherungsprämien, an Zertifizierungen, an Kosten der Rechtsberatung und des Vertragsabschlusses. Bilden die „Marktpreise“ diese Transaktionskosten wirklich ab?
5. Welche Rolle spielen Transaction Benefits?
Aus den Forschungen zu Behavioral Economics wissen wir, dass Transaktionen nicht nur Kosten verursachen, sondern dass sie per se auch einen Nutzen, einen Benefit, haben können. Das ist aus der Perspektive der neoklassischen Ökonomie ziemlich radikal, aus psychologischer Sicht aber fast schon als trivial anzusehen.
Bei jedem Kauf spielt es den Behavioral Economics zufolge eine Rolle, von wem ich etwas kaufe und in welcher Situation ich mich befinde. Manche Verkäufer sind sympathischer oder auch vertrauenswürdiger als andere, um es auf eine ganz einfache Formel zu bringen. Erinnern Sie sich noch daran, als Sie Ihren ersten Gebrauchtwagen gekauft haben?
In manchen Situationen hat die Kauf-Handlung selbst einen viel höheren Wert oder Nutzen als unter anderen Umständen. Diese Transaction Benefits kann ein Marktpreis in der Regel nicht abbilden – aber sie spielen für das Zustandekommen von Geschäften eine u.U. wichtige Rolle.
6. Setzen Unternehmen und Konsumenten auf „Transactions“ oder auf „Relations“?
Die Existenz eines Marktpreises setzt voraus, dass die Beteiligten keine Präferenzen für einen Anbieter haben – jeder Lieferant ist gleich gut und auch problemlos austauschbar. Ist das realistisch? Wir haben diese Frage schon im Zusammenhang mit den Transaction Benefits besprochen, aber hier geht es um die längerfristige Dimension.
Die meisten Einkaufs- und Beschaffungsprozesse finden nicht auf vollkommenen oder perfekten Märkten statt, sondern im Rahmen einer bestehenden Lieferanten-Kunden-Beziehung. Man spricht hier von „Relations“ statt von „Transactions“. Jeder Verbraucher hat seinen Lieblings-Edeka oder Rewe um die Ecke, und ich habe jahrelang bei Esso getankt, weil der Pächter der Tankstelle einfach nur nett und freundlich war (die erwähnten Transaction Benefits). Und auch im B2B-Bereich kommt es vor, dass manche Lieferanten „auf keinen Fall“ in Frage kommen, zu anderen hingegen ein langjähriges Vertrauensverhältnis besteht.
Welchen Anteil unserer Güter beschaffen wir also auf „vollkommenen“ Märkten, wo allein der Marktpreis den Ausschlag gibt? Und wie hoch ist der Anteil der Kunden in B2B-Märkten, der ohne Abwicklungsprobleme sehr schnell den Lieferanten wechseln kann? In meiner LSDC-Matrix (siehe hierzu meine Pricing-Newsletter No. 10, No. 11, No. 31, No. 40 und No. 70) beschreibe ich, dass Kunden eben nicht in jeder Situation die gleiche Preissensitivität aufweisen.
Am besten wäre es, wenn Sie in Ihren Systemen die Kunden kennzeichnen, die „abwanderungsgefährdet“, wechselwillig und besonders preissensitiv sind – im Gegensatz zu den Stammkunden, die unserer Erfahrung nach deutlich weniger preissensitiv sind.
Was bedeutet das für den Marktpreis? Wenn es sich bei den zur Debatte stehenden Geschäften um „Transactions“ handelt, ist die Existenz einer Art Marktpreis eher denkbar. Wenn Sie vertrauensvolle, längerfristige Kundenbeziehungen pflegen im Sinne von „Relations“, dann könnte sich die Idee des Marktpreises eher als wirklichkeitsfremd erweisen.
Der Marktpreis: eine Illusion aus den Vorlesungen des Ökonomie-Grundstudiums
Fassen wir unsere Überlegungen zusammen. Wir sollten durchaus skeptisch sein, wenn uns Informationen zum Marktpreis angeboten werden. Welches sind die Quellen für die Daten, welcher Zeitraum liegt den Daten zugrunde, auf welche räumliche bzw. regionale Angrenzung beziehen sich die Daten? Gibt es nur Mittelwerte oder auch Daten zur Standardabweichung der Werte? Und vor allem: sind die Anbieter und Nachfrager wie auch die Güter vollkommen austauschbar oder haben die Marktteilnehmer Präferenzen?
Der „Marktpreis“ wird sich in vielen Fällen als eine Illusion herausstellen. Setzen Sie lieber darauf, die Zahlungsbereitschaft Ihrer (potentiellen) Kunden sehr sorgfältig zu erforschen. Und finden Sie heraus, warum Ihre Kunden bereit sind, bei Ihnen 5 oder 10% mehr zu bezahlen als bei der Konkurrenz. Dieser Preisabstand ist viel zu selten Gegenstand sorgfältiger empirischer Analysen.
Ich freue mich auf Ihre Kommentare, Anmerkungen, Beispiele und Erfahrungen zum Thema Marktpreis – am liebsten direkt an riekhof@nullunicconsult.com.
Mit besten Wünschen und bis zum nächsten Pricing-Newsletter – und vielleicht sehen wir uns ja bald in Hamburg in einem meiner Pricing-Seminare?
Ihr Prof. Dr. Hans-Christian Riekhof
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