HARVARD BUSINESS MANAGER SPEZIAL ZUM THEMA MACHT

Hamburg 2018.

Die bisher an dieser Stelle erschienenen Buchvorstellungen (und auch die in den vergangenen Jahren in Zeitschriften von mir veröffentlichten Rezensionen) haben eines gemeinsam: letztlich laufen sie auf die Empfehlung hinaus, das entsprechende Werk zu kaufen, zu lesen, zu genießen. Wie sieht es bei dieser Spezialausgabe des Harvard Business Managers aus?

Sehr lobenswert ist es, das Thema Macht in den Mittelpunkt einer Spezialausgabe zu stellen, denn Fragen der Macht kommen im Management-Studium wie auch in der Management-Weiterbildung meiner Einschätzung nach regelmäßig viel zu kurz (ebenso übrigens die Frage, ob es Psychopathen leichter fällt, Karriere zu machen. Aber das ist ein anderes Thema). In meiner Zeit als Manager in Konzernen hat mich niemand zu einem Seminar gesandt, in dem ich den Umgang mit Macht erlernen sollte.

Wenn Helene Endres, die dieses Heft redaktionell verantwortet hat, in ihrem Essay behauptet, niemand brauche mehr ein Amt oder ein Vermögen, um Macht auszuüben, dann kann man diese Einschätzung nur als naiv bezeichnen. Sie sagt: „Oft reichen ein Twitter-Account, genügend Follower und ein kluges Hashtag.“ Na denn man los, kann man da nur empfehlen. Vielleicht ist die Welt der sozialen Medien (wie auch der sozialen Institutionen) doch ein wenig komplizierter.

An anderer Stelle sagt Helene Endres: „Die Digitalisierung bedeutet eine riesige Umverteilung von Macht.“ In der Tat haben Facebook, Google, Apple und Amazon heute eine enorme Macht aufgebaut, das steht außer Frage. Frau Endres setzt fort: „In vielen Bereichen heißt das: gnadenlose Demokratie.“ Meint sie damit die internen Strukturen bei Uber, Amazon oder Facebook? Oder die monopolartige Marktmacht der Big Four? Hier brauchen wir doch eine differenziertere Analyse.

Der vermeintliche Vorteil des Heftes, dass nämlich viele Autoren zu Wort kommen, ist wohl auch sein größter Nachteil. Sollen meine Studierenden sich damit auseinandersetzen, was Frau Poletto über Macht zu sagen hat? Und dass die Zeit der großen Egos vorbei sei, wie es Constanze Buchheim in ihrem Kommentar konstatiert, darf man angesichts von Figuren wie Trump, Erdogan und Putin durchaus in Frage stellen. Entsprechende Namen deutscher Politiker erspare ich mir an dieser Stelle.

Leider kommen auf der anderen Seite internationale Experten wie Scott Galloway nur sehr kurz zu Wort. Dessen Sorge erscheint aber berechtigt: „Die Menschen, die dafür zuständig wären, die Digitalkonzerne zu kontrollieren, verstehen gar nicht, was sie eigentlich regulieren sollen.“ Da geht es um die wichtigsten Machtverschiebungen der Gegenwart, die uns alle betrifft und die wir viel besser verstehen sollten. Statt Wolfgang Kubicki sollte da lieber Margrethe Vestager Gehör finden.

Beachtung verdient das 7-Punkte-Programm von Dorothea Assig und Dorothea Echter: eine knappe, sehr lesenswerte Zusammenfassung für den Umgang mit Macht. Und auch Jeffrey Pfeffer gehört zu denjenigen, dessen Werke ich zum Thema Macht empfehle. Das Interview mit ihm ist sehr lesenswert. Was mir aber fehlt: ich hätte gerne eine Fallstudie über aktuelle Machtstrategien gelesen, etwa wie Angela Merkel und Horst Seehofer mit Macht umgehen.

Um den eingangs geäusserten Gedanken aufzunehmen, ob dieses Heft in die Handbibliothek eines Managers gehört: man muss schon in der Lage sein, sehr selektiv zu lesen.

Dr. Hans-Christian Riekhof

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