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Gestiegene Lebensmittelpreise – wer verdient eigentlich daran?

Seit 2020 haben sich Lebensmittel in Deutschland um rund ein Drittel verteuert. Das Einkaufen von Produkten des täglichen Bedarfs in Supermärkten ist deutlich kostspieliger geworden. Das belegt eine Analyse des Handelsblatt Research Instituts, das hierfür die Bilanzen von 70 mittelständischen und großen Markenherstellern sowie den führenden Handelskonzernen in Europa ausgewertet hat. Dabei wurde auch deutlich, wer der Nutznießer höherer Preise ist – und wer dabei verliert.

So beleuchtete das Handelsblatt am 16. September 2024 eingehend die Folgen der Inflation. Allein 2023 seien die Preise für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke laut Statistischem Bundesamt um 12,4 Prozent gestiegen – deutlich stärker als die allgemeine Teuerung. Die Zeitung konstatierte auf Basis der eigenen Analyse, dass nicht nur die Hersteller, sondern auch die Händler Gewinne einfahren. „Hersteller und Händler beschuldigen sich seit Jahren gegenseitig, die Preise in die Höhe zu treiben, um ihre Gewinne zu steigern“, schreibt die Zeitung. Tatsächlich profitierten beide in gleichem Maße.

Gestiegene Lebensmittelpreise: Gewinner sind vor allem die großen Produzenten sowie Handelsketten

Hinsichtlich der Produzenten gelte dies aber vorrangig für Konzerne – global agierende Markenartikler wie Nestlé (Kitkat), Unilever (Dove) oder AB Inbev (Beck’s) und Coca Cola. Die großen europäischen Handelsketten, darunter Rewe und Metro aus Deutschland, Tesco aus Großbritannien und Carrefour aus Frankreich, machten in ähnlichen Maße Gewinn, heißt es im Bericht.

Verlierer bei diesem Preisanstieg, der sich etwa mit Beginn der Coronapandemie durchsetzte, sind die Verbraucher, die tiefer in die Tasche greifen müssen. Prof. Dr. Hans-Christian Riekhof bewertet die Entwicklung aus Sicht des Pricing-Experten: „Es ist bemerkenswert, dass sowohl die Hersteller als auch die Händler die Phase stärkerer Inflation gleichermaßen nutzen konnten, um ihre Gewinne zu steigern. Man kann das als Indiz werten, dass beide Seiten den Prozess des Pricing recht gut beherrschen – allerdings zu Lasten des Verbrauchers.“

Pricing-Experte Riekhof: Beide Seiten haben den Prozess des Pricing verstanden – zu Lasten der Verbraucher

Neben den Verbrauchern gerät aber auch ein weiterer großer Verlierer in den Fokus: die mittelständischen Unternehmen, Produzenten mit weniger als einer Milliarde Euro Umsatz, beispielsweise Frosta und Weleda. Bemerkbar mache sich dies auch an steigenden Insolvenzzahlen von Konsumgüterfirmen. Laut Handelsblatt-Bericht können diese es sich nicht leisten, harte Preiskämpfe mit den großen Handelsketten auszufechten, schon gar nicht über einen längeren Zeitraum. Viele mittelständische Konsumgüterhersteller hätten in den Verhandlungen mit dem heimischen Handel eine schwächere Position, weil sie oft einen Großteil ihrer Erlöse in Deutschland erzielen und damit abhängiger von den vier großen Supermarktketten Aldi, Lidl, Edeka und Rewe seien.

Gestiegene Lebensmittelpreise: Mittlelständische Unternehmen legen weniger Wert auf Professionalisierung des Pricing

„Die Studie des Handelsblatt Research Institute verdeutlicht, dass den mittelständischen Herstellen einerseits die Marktmacht fehlt“, sagt Riekhof. „Andererseits wohl aber auch die Pricing-Kompetenz. Das zeigen zumindest unsere eigenen empirischen Studien: in den mittleren Unternehmen wird weniger Wert auf die Professionalisierung des Pricing gelegt.“

Wenn sich der Markt immer mehr konsolidiert, und darauf laufe es hinaus, würden Konzerne immer mächtiger, wird ein Konsumgüter-Hersteller zitiert. Und das sei auch keine gute Nachricht für die Händler. Wenn der Mittelstand auf Dauer ausblute, verliere der Handel die Vielseitigkeit seines Sortiments.

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Vier Szenarien für die Post-Corona-Zeit

Mit einer großen Serie hatte 2019 das Anlegermagazin „Effecten-Spiegel“ sogenannte Megatrends thematisiert. Doch was ist nach der Coronapandemie von diesen tiefgreifenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen noch übrig? In seiner aktuellen Ausgabe verweist Autorin und Vorstandsmitglied Susanne Schäffer auf eine interessante Analyse, die Wissenschaftler des Zukunftsinstituts in Frankfurt am Main vor folgender Frage erstellt haben: Wie leben und wirtschaften wir nach der Pandemie? In seinem aktuellen White Paper beschreibt das Institut vier mögliche Szenarien, wie die Corona-Krise die Welt verändern
kann – in gesellschaftlicher und ökonomischer Hinsicht.

Zukunftsängste haben Konjunktur

Die Pandemie sorgt für viele Fragen. Niemand weiß genau, wohin die Reise geht und wie die Zukunft danach aussieht. Eines aber ist klar: Nach der Corona-Krise ist nichts mehr wie es einmal war. Jedoch, sagen die Wissenschaftler, lassen sich mit den Methoden und Werkzeugen der Trend- und Zukunftsforschung die möglichen Folgen der Pandemie einschätzen. Anhand von vier Szenarien beschreibt das Zukunftsinstitut, wie unsere Zukunft nach der Pandemie mittelfristig aussehen könnte. Diese seien die totale Isolation, der System-Crash, Neo-Tribes und die Adaption.

Szenarien helfen, die Zukunft zu verstehen

In der „totalen Isolation“, formuliert das Institut, sei der Shutdown zur Normalität geworden. Das Scannen von Handgelenk-Chips beim Betreten von U-Bahnen und ein Austausch von Gesundheitsdaten vor dem ersten Date sind ebenso normal wie langwierige Visumverfahren bei Auslandsreisen. Die Grundversorgung werde durch Handelsabkommen einzelner Staaten gewährleistet – nicht mehr.

Im zweiten Szenario, dem „System-Crash“, komme die Welt aus dem Taumeln nicht mehr heraus. Nationalistische Interessen statt Globalisierung, jeder ist sich selbst der Nächste. Drastische Maßnahmen selbst bei kleinsten Verbreitungen seien die Folge. An internationale Zusammenarbeit glaube niemand mehr. Die Welt wanke nervös in die Zukunft.

Sind die negativen Post-Corona-Szenarien wahrscheinlich?

Im Szenario „Neo-Tribes“ dagegen habe sich die globalisierte Gesellschaft wieder stärker zurück zu lokalen Strukturen entwickelt. Regionale Erzeugnisse sind Trumpf, flankiert von einer Rückbesinnung auf Familie, Haus und Hof. Nachhaltigkeit und Wir-Kultur, lokal statt global gedacht.

Im Szenario „Adaption“ geht die Welt gestärkt aus der Krise hervor. Wir haben gelernt, uns besser anzupassen und flexibler mit Veränderungen umzugehen. Womit wir nach Einschätzung von Professor Hans-Christian Riekhof rechnen sollten: die Leistungsfähigkeit von Gesundheitssystemen, das globale Tracking von Epidemie-Verläufen, das sehr viel schnellere internationale Teilen valider Daten zu Epidemien, das unabhängige Benchmarking nationaler Gesundheitsstrategien sind Veränderungen, die wahrscheinlich sind und die unsere Gesellschaft stärken.

Die Szenarien in wenigen Jahren mit der Wirklichkeit abgleichen

Professor Riekhof hält dieses Modell möglicher Szenarien insofern für sehr hilfreich, als es die vorhandenen gesellschaftlichen und politischen Strömungen anhand der Dimensionen optimistisch vs. pessimistisch sowie global/vernetzt vs. lokal/isoliert recht gut zusammenführt und interpretiert. „Sogar Staatschefs lassen sich in ihen Grundorientierungen in dieses Raster einordnen. Die sich aufdrängende Kernfrage aber lautet: welches Szenario ist am wahrscheinlichsten? Wir sollten in wenigen Jahren einen nüchternen Blick zurück vornehmen.“

Anti-Fragilität: In Krisen entstehen neue Stärken

Wenn man Bücher wie Hans Roslings Factfulness oder die Werke von Gregg Easterbrook gelesen hat, dann falle es schwer, die pessimistische Perspektive einzunehmen. Wenn man die Wohlstandseffekte der Globalisierung mit Abstand bewerte, dann ist eine Welt ohne globale Vernetzung schlicht nicht mehr vorstellbar, sagt Riekhof. Er verweist auf Nicholas Taleb, der damit vollkommen richtig liege, dass Systeme (und Gesellschaften) anti-fragiler und damit resilienter werden, wenn sie durch Krisen wie Corona erschüttert werden. „Das Adaptions-Szenario scheint mir das einzig wahrscheinliche zu sein – auch wenn sich die anderen Szenarien in den Medien vielleicht sogar besser vermarkten lassen.“

Die Matrix für die vier Szenarien

Wie leben und wirtschaften wir nach der Pandemie? In seinem aktuellen White Paper beschreibt das Zukunftsinstitut vier mögliche Szenarien, wie die Corona-Krise die Welt verändern
kann – in gesellschaftlicher und ökonomischer Hinsicht.

Grafik/Matrix: Zukunftsinstitut

Quellen

Effecten-Spiegel Nr. 19, 07.05.2020, Seite 8

Zukunftsinstitut (mit Details zu dem Thema und zu den Analysen):

https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/wirtschaft-nach-corona-wochen-der-weichenstellung/
https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/der-corona-effekt-4-zukunftsszenarien/

Foto: Martin Sanchez/Unsplash