PAUL COLLIER: SOZIALER KAPITALIMUS. MEIN MANIFEST GEGEN DEN ZERFALL DER GESELLSCHAFT.

München 3. Aufl. 2019

Von Hans-Christian Riekhof

Paul Collier schreibt aus einer interessanten Perspektive heraus. Er argumentiert als renommierter, in Oxford lehrender Ökonomie-Professor, ebenso ziehen sich viele autobiografische Ereignisse mit ihren sozialen Implikationen durch das Werk.

Im ersten Moment könnte man denken: Sozialer Kapitalismus – das ist ein nicht auflösbarer Widerspruch. Eine klassische contradictio in adiecto, wie man es auch nennen könnte. Letztlich ist es genau das, worauf Paul Collier hinaus will: Einerseits sieht er massiven Handlungsbedarf, was die derzeitigen Erscheinungs-Formen des Kapitalismus angeht. Andererseits hält er dieses System – wie viele andere nach dem Scheitern des realen Sozialismus auch – für weitgehend alternativlos.

Von Pragmatismus geprägte Weiterentwicklung des Kapitalismus

Dabei setzt Collier auf einen von Pragmatismus geprägten Ansatz zur Weiterentwicklung des Kapitalismus. Er grenzt diese Position einerseits ab gegen den Versuch, mit einem paternalistischen Staatswesen und einer Über-Fürsorge den notwendigen sozialen Ausgleich zu schaffen. Andererseits wendet er sich konsequent gegen Überlegungen, mit einem libertären (manche sagen: neo-liberalen) Ansatz die Marktkräfte weitgehend ungestört walten zu lassen. Eine seiner Kernthesen: wir müssen den Rechten des Einzelnen wieder (gegenseitige) Verpflichtungen gegenüberstellen.

Eine neue Ausrichtung kapitalistischer Prinzipien

Paul Collier analysiert verschiedene gesellschaftliche Ebenen, auf denen er eine neue Ausrichtung der kapitalistischen Prinzipien empfiehlt: die Ebene der Familie, die Ebene der Unternehmen und die Ebene des Staates. In allen Bereichen plädiert Collier für eine neue Justierung von Rechten und Verpflichtungen: es sollte kein Recht ohne Verpflichtung geben, so eine seiner ethischen Überlegungen. Hier sind einige teilweise sehr konkrete Beispiele und Ableitungen:

  • Interessant ist Colliers Vorschlag, Parteivorsitzende nicht von Parteitagen und Parteimitgliedern, sondern von den gewählten Abgeordneten wählen zu lassen. Abgeordnete sind durch Wählerstimmen legitimiert, und sie können als Insider die Kompetenz, die Absichten und Durchsetzungsfähigkeit der Kandidaten besser beurteilen als das „Parteivolk“.
  • Paul Collier regt an, über die durch economies of scale resultierende Ertragskraft allein der Unternehmensgröße nachzudenken und Körperschaftssteuersätze auch an der Größe von Unternehmen auszurichten.
  • Ferner sollte seiner Einschätzung nach in den Aufsichtsgremien der Unternehmen die Pflicht verankert werden, das öffentliche Interesse bei Entscheidungen in die Überlegungen einzubeziehen und diesen Prozess in den Protokollen zu dokumentieren. Damit könnte sichergestellt werden, dass Unternehmensentscheidungen schwieriger werden, die dem öffentlichen Interesse diametral zuwiderlaufen.

Anreize für unternehmerische Engagements in Entwicklungsregionen

  • Grobe Fahrlässigkeit sollte Collier zufolge als (straf-) rechtlicher Tatbestand etabliert werden, wenn es um Konkurse von Unternehmen wie in der Bankenkrise geht.
  • Der Staat sollte einen Ausgleich schaffen zwischen den prosperierenden und hoch produktiven wie auch kreativen Großstädten und den abgehängten Regionen, die es inzwischen in allen Regionen der Welt gibt. Das wird ohne eine konsequente Umverteilung nicht funktionieren, so Collier.
  • Überlegen sollte man auch, wie regionale innovative Cluster gefördert werden können und wie Agglomerationsgewinne verteilt werden sollen. Zudem, welche Rolle dabei Banken spielen könnten, die nur eine regionale Lizenz besitzen und deshalb gezwungen wären, sich auf regionale Aktivitäten zu konzentrieren.
  • Collier plädiert dafür, ethisch korrekt arbeitende Unternehmen mit entsprechenden Anreizen in Entwicklungsregionen zu „locken“. Denn „fragile Länder benötigen dringend die Arbeitsplätze, die moderne Unternehmen bereitstellen können“ (S. 172).

Prinzipien gegen Spaltungen zwischen Gewinnern und Verlierern

Mit den von Paul Collier vorgestellten Überlegungen und Prinzipien soll es gelingen,

  • die geografische Spaltung zwischen den Boomregionen und den niedergehenden Städten
  • die soziale Spaltung zwischen einigen Privilegierten und der breiten Bevölkerung
  • und die globale Spaltung zwischen Gewinnern und benachteiligten Ländern

zu verringern oder vielleicht sogar zu überwinden. Damit sind die wesentlichen ökonomischen Fragen thematisiert, die die politische Diskussion bestimmen. Und viele vorgeschlagene Lösungen erscheinen bedenkenswert, auch wenn sie den Weg in die laufenden politischen Debatten noch nicht gefunden haben.

Offen bleibt aber die entscheidende Frage, wo die gesellschaftlichen Kräfte sind, die solche Lösungen in die politische Wirklichkeit tragen.

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