MARIANA MAZZUCATO: MISSION ECONOMY. A MOONSHOT GUIDE TO CHANGING CAPITALISM.

Dublin 2021

Von Hans-Christian Riekhof

Mazzucato: „Changing Capitalism“

Mariana Mazzucato gilt laut „Wired“ zu den einflussreichsten Ökonomen weltweit. Das macht neugierig, der Titel ihres neuen Buches vielleicht weniger, da muss man schon tiefer in Inhalte und beabsichtigte Assoziationen einsteigen. Vielleicht sind die letzten beiden Worte des Untertitels am aufschlussreichsten: „Changing Capitalism“. Mariana Mazzucato scheut sich nicht, tiefere Probleme des Kapitalismus auf den Punkt zu bringen. Sie stellt heraus, dass

– der Banken- und Finanzsektor auf sehr kurzfristige Ziele ausgerichtet ist, und er finanziert sich immer stärker selbst. Sie verweist darauf, dass heute 60 % aller Kredite wieder in den Bereich “Fire“, d.h. Finance, Insurance, Real Estate gehen.

– die Wirtschaft insgesamt sehr stark bzw. zu stark auf Quartalsergebnisse ausgerichtet ist. Aktien-Rückkäufe und Dividendenzahlungen erreichen in immer mehr Unternehmen mehr als 100 % des Unternehmensergebnisses. Langfristige Investitionen werden von den Märkten nicht positiv bewertet.

– es auf ökologische Herausforderungen keine befriedigenden Antworten gibt. In den USA werden ihren Berechnungen zufolge fossile Brennstoffe mit 20 Mrd. $ und in der EU mit 55 Mrd. € im Jahr subventioniert.

– sich Regierungen nicht in der Rolle sehen (und auch nicht die Fähigkeit entwickelt haben), strategische Entwicklungsrichtungen vorzugeben. Sie sehen es allenfalls als ihre Aufgabe an, kurzfristige Probleme zu lösen und falls erforderlich nicht funktionierende Märkte zu „reparieren“ (Market Failure Theorie).

Mazzucato: auch staatliche Aktivitäten sind wertschöpfend

Mariana Mazzucato will mit verschiedenen Irrtümern oder Mythen, wie sie es nennt, aufräumen. Dazu gehört die zentrale (und ihrer Ansicht nach irrige) Annahme, dass Unternehmen in ihrer Wirtschaftstätigkeit Werte schaffen, der Staat hingegen nicht. Mazzucato liefert viele historische Beispiele für wertschöpfende staatliche Programme, angefangen von der NASA und der ersten Mondlandung der Amerikaner (daher der Moonshot-Ansatz) bis hin zu den industriepolitischen Strategien des MITI in Japan und entsprechenden Behörden in Singapur, Israel, Taiwan und Korea. Auch das Beispiel Airbus Industries in Europa ist hier zu nennen.

Mazzucato: Regierungen müssen Märkte schaffen, anstatt nur bei Marktversagen einzugreifen

Mazzucatos Vorschläge richten sich darauf, das kapitalistische System grundlegend zu verändern und die Rolle von Regierungen neu zu definieren. Damit entwirft sie auch eine neue Perspektive für die ökonomische Theorie: Regierungen sollten sich nicht als Reparaturbetrieb im Falle von Marktversagen sehen, sondern im Sinne eines Moonshot-Ansatzes die großen gesellschaftlichen Themen auf die eigene Agenda setzen. Regierungen sollten ein Selbstverständnis entwickeln, dass sie mit ihren Aktivitäten gesellschaftlichen Wert schaffen. Sie sollten aktiv in Zukunftsthemen investieren und dabei in Kauf nehmen, dass einzelne Initiativen scheitern können.

Mazzucato: Regierungen müssen Kompetenzen aufbauen

Dazu wäre es erforderlich, entsprechende Kompetenzen auf der Regierungsseite aufzubauen. Es wäre auch darüber nachzudenken, wem die zukünftigen Gewinne aus diesen Programmen zufließen sollten. Eine Strategie der Privatisierung der Gewinne und einer Sozialisierung der Verluste wäre da nicht zielführend. Nebenbei erwähnt Mazzucato, dass Elon Musk für seine drei Unternehmen staatliche Subventionen und Förderungen in Höhe von fast 5 Mrd. $ erhalten hat – eine beachtliche Anschubfinanzierung.

Mazzucato: Regierungen müssen Missionen entwerfen

Die Schrift von Mazzucato richtet sich in erster Linie an die Regierungen dieser Welt: sie sollten ein neues Selbstverständnis entwickeln, sie sollten eine Mission entwerfen, sie sollten wohlüberlegt und zukunftsgerichtet neue Märkte schaffen und diese aktiv gestalten, und sie sollten die dazu erforderlichen strategischen Kompetenzen aktiv aufbauen.

Mazzucatos Botschaft ist glasklar – doch lassen sich die Verantwortlichen in den Regierungen tatsächlich überzeugen? Denn eines bleibt in ihren Überlegungen unberücksichtigt: die Anreiz-Mechanismen in Politik, Regierungen und Verwaltungen gehorchen anderen Gesetzmäßigkeiten als denen auf Märkten. Man wird sich also im Detail ansehen müssen, wie das skizzierte Programm letztlich umsetzbar ist.

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