Buchtipp No. 50 (2022): ADAM GRANT: THINK AGAIN. THE POWER OF KNOWING WHAT YOU DON’T KNOW.

London 2021

Von Hans-Christian Riekhof

„Think again“ – ist das ein Buchtitel, bei dem man sofort zugreift? Hat man sofort die richtigen Assoziationen? Oder ist es der Hinweis auf dem Cover, dass es sich um einen No. 1 New York Times- Bestseller handelt? Schwer zu sagen.

Jedenfalls steht die keineswegs neue Idee im Mittelpunkt, dass wissenschaftliches Denken, die Suche nach Irrtümern, das Bemühen, Hypothesen zu widerlegen, anderen Formen des Denkens weit überlegen ist. Ein Gedanke, den ich in meinen Seminaren wie auch Vorlesungen immer wieder betone. Kann sich die Lektüre eines Buches lohnen, das sich diesem Thema in aller Tiefe und Breite aus verschiedensten Perspektiven widmet?

Die Antwort ist eindeutig „ja“. Adam Grant zeigt auf, wie wir selbst dazu neigen, die eigenen Irrtümer zu ignorieren. Er stellt psychologische Forschungsergebnisse vor, denen zu Folge unsere eigenen Irrtümer (zum Beispiel als Stereotypen) umso wahrscheinlicher und ausgeprägter sind,

– je höher unser IQ ist
– je besser unsere mathematischen Kenntnisse und Fähigkeiten sind
– je mehr wir uns bestimmte Dinge wünschen.

Wir lernen, was der Dunning-Kruger Effekt ist: oftmals haben wir gerade dann ein großes Vertrauen in unser eigenes Wissen, wenn wir in einem Themenbereich ziemlich inkompetent sind: „The first rule of the Dunning-Kruger club is you don’t know you’re a member of the Dunning-Kruger club“, so David Dunning. Das sind die Kommentare der Fussball-Fans von der Tribune (oder vom Sofa vor dem Fernseher), die natürlich das bessere Konzept für die Mannschaftsaufstellung gehabt hätten.

Adam Grants Empfehlung: man sollte sich eingestehen, dass man vieles nicht wirklich weiß. Besser ist es, den eigenen Auffassungen widersprechende Informationen willkommen zu heißen – was gar nicht so einfach ist. So geht es denn im 3. Kapitel auch um „The joy of being wrong“. Adam Grant zeigt auf, wie man eine kritische Distanz zu den eigenen Überzeugungen aufbaut und wie wichtig es ist, die eigenen Glaubenssätze regelmäßig und systematisch zu hinterfragen. Unser naturgegebenes Streben nach kognitiver Konsistenz wird da auf die Probe gestellt.

Er schildert, mit welchen Techniken einige wenige Experten den Wahlsieg Trumps und den Brexit richtig vorhergesagt und damit soziodemografische Prognosen widerlegt haben. Grant erläutert, wie man in Gruppen mit Konflikten im Sinne unterschiedlicher Interpretationen und Sichtweisen umgehen sollte, damit wertvolle Arbeitsergebnisse entstehen können.

Auch auf Verhandlungsstrategien lassen sich seine Überlegungen anwenden: wie viele Argumente sollte man präsentieren, wenn man Erfolg haben will, warum sollte man die schwächsten Argumente auf jeden Fall vorher „aussortieren“, warum sollte man Argumentationen des Gegenüber wohlwollend aufgreifen, warum ist es sinnvoll, Zweifel an den eigenen Überzeugungen einzugestehen?

Hoch spannend ist auch das Kapitel, wie man „Motivational Interviews“ führt, d.h. wie man das Gegenüber dazu bringt, seine eigenen starken Überzeugungen in Frage zu stellen: wie kann man überzeugte Impfgegner – ein in der Tat hoch emotionales und kontroverses Thema! – dazu bringen, sich impfen zu lassen? Wie kann ein farbiger US-Amerikaner einen Mitbürger dazu motivieren, seine Mitgliedschaft im Ku Klux Klan aufzugeben?

Beeindruckend sind auch die Überlegungen im Kap. 8, wo es um das „Depolarizing Our Divided Discussion“ geht. Die derzeit vieldiskutierte „Spaltung der Gesellschaft“ ist letztlich auch eine Frage, wie wir mit unseren Überzeugungen umgehen, ob wir auf polarisierende Schwarz-Weiß-Argumentationen setzen oder auf differenzierende Sichtweisen.

Der Titel „Think again“ ist erläuterungsbedürftig. Aber das Buch von Adam Grant ist extrem lesenswert, auch wenn Sie schon immer davon überzeugt waren, dass gute Hypothesen Ihren Erkenntnisprozess voranbringen.

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