Pricing-Newsletter No. 83 (2024): Optionen zeitbezogener Preisdifferenzierung

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wir haben es inzwischen gelernt und akzeptieren es ganz offensichtlich: morgens zu tanken ist teurer als am Abend, und ganz offensichtlich werden die Kraftstoffe zu Ostern knapp – zumindest steigen die Preise. Und wir wissen auch, dass die Flugpreise steigen, wenn wir später buchen. Was wir aber auch feststellen: nicht immer wird eine zeitbezogene Preisdifferenzierung von den Kunden wirklich akzeptiert. Das ist das Thema meines heutigen Newsletters.

Viel Freude bei der Lektüre und neue Erkenntnisse für Ihre Preisstrategie!

Ihr Prof. Dr. Hans-Christian Riekhof

Prof. Dr. Hans-Christian Riekhof

Wir akzeptieren es ganz offensichtlich: morgens zu tanken ist teurer als am Abend, und die Flugpreise steigen, wenn wir später buchen. Was wir aber auch feststellen: nicht immer wird eine zeitbezogene Preisdifferenzierung von den Kunden wirklich akzeptiert. Was man dazu wissen sollte, erfahren Sie in diesem Newsletter.

Die Preisfrage: Warum eigentlich Preise differenzieren?

In meinen Workshops und Seminaren zum Pricing stelle ich den Teilnehmern häufig die Frage, ob es theoretisch besser sei, mehr Preise zu haben oder weniger Preise (für das gleiche Produkt). Zunächst sind die Teilnehmer häufig überrascht, weil ihnen diese Frage in dieser Form selten gestellt wird. Und dann stellt sich heraus, dass sich die Mehrheit der Seminarteilnehmer für weniger Preise ausspricht. Dazu muss man sich die folgende Grafik einmal genauer anschauen:

Preisdifferenzierung

Theoretisches Gewinnpotential beim Einheitspreis.
Quelle: © UCS GmbH

Hier ist der Deckungsbeitrag zu entnehmen, wenn ich mit einem Preis arbeite. Und die folgende Grafik zeigt, dass der zu erzielende Deckungsbeitrag deutlich höher ist, wenn ich drei Preise habe. Denn einige Kunden würden auch mehr für das Produkt zahlen, andere Kunden kann ich nur mit einem niedrigeren Preis überzeugen. Und es liegt auf der Hand, dass sechs Preise dann noch einmal deutlich besser sind als drei Preise. Ein Einheitspreis schöpft letztlich nur die Hälfte der möglichen Erträge ab. Soweit die Theorie.

Preisdifferenzierung

Zusätzliches Gewinnpotential beim schwach differenzierten Pricing (hellblaue Flächen).
Quelle: © UCS GmbH

Die erste Voraussetzung für Preisdifferenzierung: das „fencing“ – Zutrittsbarrieren schaffen

Diese Art der Preisdifferenzierung funktioniert aber nur, wenn nicht alle Kunden zum niedrigsten Preis kaufen können – ich muss diesen Preis also „schützen“ durch einen wie auch immer gearteten „Zaun“. Und das ist in diesem Falle der Zeitfaktor: morgens ist der billigere Kraftstoff leider nicht verfügbar. Und kurz vor dem Reisetermin gibt es keine Billigflüge mehr. Das „fencing“ ist also bei der zeitlichen Preisdifferenzierung recht einfach.

Preisdifferenzierung

Gewinnpotential beim stark ausdifferenzierten Pricing (zusätzliches Ertragspotential: orangefarbene Flächen).
Quelle: © UCS GmbH

Die zweite Voraussetzung für Preisdifferenzierung: Internes Komplexitätsmanagement

Hier kommt vermutlich der Grund zum Vorschein, warum sich so viele Seminar-Teilnehmer gegen Preisdifferenzierungen aussprechen. Sie befürchten, dass das eigene Unternehmen damit schnell überfordert wäre. Vermutlich haben sie sogar recht. Denn die Fluggesellschaften, Reiseanbieter und Mineralölkonzerne haben ihre Systeme der zeitbezogenen Preisdifferenzierung auch nicht über Nacht realisiert, sondern ihre Pricing-Prozesse über Jahre optimiert.

Pricing-Komplexität: nach innen oder nach draußen?

Und trotzdem lohnt es sich, über die Optionen – und auch die Akzeptanz – der zeitbezogenen Preisdifferenzierung nachzudenken. Denn wie die nachstehende Grafik zeigt, kommt es im Pricing darauf an, die Komplexität zum Kunden hin zu erhöhen, die interne Komplexität hingegen zu reduzieren. Dazu muss man natürlich seine Pricing-Prozesse im Griff haben.

Preisdifferenzierung

Komplexitätsmanagement im Pricing: Preise zum Markt hin differenzieren und die internen Pricing-Prozesse standardisieren.
Quelle: © UCS GmbH

Zeitbezogene Preisdifferenzierung: Tageszeiten

Wir akzeptieren es inzwischen, dass sich der Kraftstoff-Preis im Laufe des Tages mehrfach ändert. Wenn die Butter und die Milch im Supermarkt abends teurer wäre als morgens, wäre das ok? Und wenn das Sofa bei IKEA mittags billiger wäre: würden wir das akzeptieren?

Begrenzte Akzeptanz für Preisanpassungen im Tagesverlauf

Der Pricing-Chef eines großen internationalen Elektronik-Retailers hat mir berichtet, dass er die Erfahrung gemacht hat, dass die Kunden sehr verärgert waren, als die elektronischen Preisschilder im Laufe des Tages Preisveränderungen für Kaffeemaschinen, Laptops und Mobiltelefone auswiesen. Deshalb wurden dann Preise nur noch nachts geändert.

Andererseits experimentiert Lekkerland mit höheren Preisen in den Aral-Shops während der Nachtzeiten. Wäre es für Sie ok, wenn bei EDEKA und REWE die Preise für denselben Artikel morgens niedriger sind als am Nachmittag oder am Samstag? Oder die Zinsen für den Ratenkredit kurz vor Feierabend günstiger werden? Die Akzeptanz zeitbezogener Preis-Differenzierung sollte man besser im Auge behalten.

Die Preise oder die Angebote im Tagesablauf ändern?

Man kann auch versuchen, die Akzeptanzprobleme der tageszeitbezogenen Preisdifferenzierung zu umgehen. Bei McDonalds ändern sich nicht die Preise selbst, sondern die in den digitalen Displays beworbenen Menüs. Um die Mittagszeit werden eher günstige Menüs herausgestellt, die Schüler und Jugendliche ansprechen, und am späten Nachmittag wendet sich die Display-Werbung mit teureren Angeboten an die Berufstätigen, die gerade aus dem Büro kommen.

Pricing im Tagesablauf: Online Retailer

Vor kurzem haben wir in einem Pricing-Audit die Online Pricing-Prozesse eines Fashion Retailers analysiert. Bei einem solchen Geschäftsmodell ist es recht einfach, im Tagesverlauf unterschiedliche Produkte, Sortimente oder Best Seller werblich prominent und dominant herauszustellen. Die zeitbezogene Preisdynamik spielt in diesem Unternehmen derzeit interessanterweise aber noch gar keine Rolle.

Zeitbezogene Preisdifferenzierung: Wochentage

Dass Kinokarten am Dienstag oder Mittwoch – dem Familientag – günstiger sind als am Wochenende, haben wir inzwischen gelernt und akzeptiert. Und auch Hotel-Preise werden vom Wochentag beeinflusst – im Business Hotel gibt es attraktive Wochenend-Packages, und für Leihwagen an Flughäfen gibt es günstige Wochenend-Tarife.

Überraschenderweise ist das „Weekday Pricing“ bei der Deutschen Bahn nicht besonders ausgeprägt – obwohl gerade die ICEs am Montag und Freitag immer deutlich voller sind, das spiegelt sich in den Preisstrukturen nur sehr begrenzt wieder.

Und auch im LEH werden die Chancen einer wochentags-bezogenen Preisdifferenzierung nicht ausgeschöpft. Höhere Preise für den Joghurt und das Bier am Samstag würde wohl kaum auf Akzeptanz stoßen. Aber die besonders beworbenen Produkte und Heraussteller sollten am Wochenende einer ganz anderen Preis-Logik folgen.

Zeitbezogene Preisdifferenzierung: Saisonverläufe und Jahreszeiten im Seasonal Pricing

Gerade im Fashion-Bereich gibt es ein ausgeprägtes Seasonal Pricing. Das hängt natürlich mit den angebotenen jahreszeitlichen Kollektionen zusammen, deren Überhänge zum Saisonende mit hohen Rabatten abverkauft werden müssen. Bei den klassischen Textil-Retailern können diese Abschriften bis zu 20% des Umsatzes ausmachen.

Preisdifferenzierung

Seasonal Pricing: Abverkauf von Saisonware im Schlußverkauf.
Quelle: © iStockphoto

Forecasting im Fast Fashion Bereich

Fast Fashion Retailer wie etwa Zara ist es gelungen, durch ein intelligentes Forecasting auf der Basis von internationalen Testfilialen sehr viel genauere Absatz- und vor allem Preis-prognosen für jeden Artikel zu erstellen, und durch intelligente Lieferketten können die Beschaffungszyklen auf wenige Wochen verkürzt werden. Deshalb sind im Bereich Fast Fashion diese saisonalen Reduktionen deutlich weniger relevant.

Zu den saisonalen Preisdifferenzierungen im weiteren Sinne können wir auch größere Events, Ausstellungen oder Messen zählen. Die zeitbezogene Preisdifferenzierung ist hier sehr ausgeprägt: ein Hotelzimmer in Nürnberg während der Messe kostet das Dreifache. Und in Hamburg steigen aktuell die Hotelpreise zu bestimmten Terminen, weil es ein Konzert von Taylor Swift gibt.

Seasonal Pricing im Handel

Manche Unternehmen beherrschen das Seasonal Pricing inzwischen recht gut. Man denke an deutliche Preiserhöhungen für Saisonartikel, etwa Süßwaren zu Ostern und Weihnachten (die dann bis zu 160 % teurer sind) oder Blumen zum Valentinstag.

Allerdings konnten wir in Pricing-Projekten beobachten, dass manche Retailer das Seasonal Pricing insofern nicht durchdacht haben, als sie saisonale Bedarfsartikel genau dann im Preis senken, wenn die natürliche Nachfrage besonders hoch ist. Blumenerde und Dünger kauft man zur Pflanzzeit im Frühjahr – auch wenn sie nicht 30 % reduziert sind. Entsprechende empirische Evidenz lässt sich durch Analysen der Preis-Elastizitäten der Top Renner gewinnen; dabei sollte man die saisonalen Nachfragemuster als Einflussfaktor allerdings besser berücksichtigen.

Seasonal Pricing im B2B-Umfeld

Interessante Anwendungsfälle für ein Seasonal Pricing gibt es auch im B2B-Bereich. Wir kennen alle die Messe-Rabatte, die dazu dienen, einen besonderen Anreiz für einen direkten Vertragsabschluss zu schaffen. Wir haben in unseren Projekten auch Unternehmen kennen gelernt, die zu saisonalen Nachfragehöhepunkten ihre Kapazitäten schnell „ausverkauft“ haben und Aufträge ablehnen müssen.

Offensichtlich schöpfen sie die saisonale Zahlungsbereitschaft der Kunden nicht konsequent aus. Natürlich ist es nicht einfach, ein Pricing durchzusetzen, bei dem von vornherein in bestimmten Saisonzyklen hohe Listenpreise ausgewiesen werden.

Was wir aber in Pricing-Projekten bereits umgesetzt haben, ist die deutliche Reduktion der gewährten Rabatte gerade in Zeiträumen mit der höchsten saisonalen Nachfrage. So wurde ein B2B-Unternehmen kurz vor Jahresende mit Aufträgen „zugeschüttet“, weil Budgets noch ausgegeben werden mussten und weil Wettbewerber die Kapazitäten schon reduzierten. In dieser Situation war es angeraten, den vereinbarten Großkunden-Rabatt einfach „auszusetzen“ – was zu einem Seasonal Pricing Effekt von + 25 % führte.

Zeitbezogene Preisdifferenzierung: die Rechtfertigung aus Kundensicht

Wenn Unternehmen Preise zeitbezogen differenzieren, dann geschieht dies aus einem dominierenden Grund: man will die Zahlungsbereitschaftder Kunden differenziert ausschöpfen. Auf der Kundenseite stößt dieses Gewinnstreben nicht immer auf Verständnis – manch einer empfindet das schon mal als „Abzocke“.

Wie wir aber aus vielen Pricing-Projekten und aus der Customer Insights Forschung wissen, stoßen Kosten als Argument für höhere Preise eher auf Akzeptanz. Wenn also höhere Preise zu bestimmten Zeiten mit höheren Kosten zu begründen sind (weil etwa Sonderschichten gefahren werden müssen), dann sollten Unternehmen dieses Argument konsequent nutzen.

Zeitbezogene Preisdifferenzierung: die unausgeschöpften Potentiale

In der Abbildung 6 habe ich einmal zusammengestellt, in welchen Branchen welche zeitbezogenen Preisdifferenzierungen heute gebräuchlich sind. Dies ist eine eher generalisierende Aufstellung, bei der es im Einzelfall definitiv die eine oder andere Ausnahme geben wird. Es lohnt der Blick auf die unteren dort aufgeführten Beispiele – sie zeigen, wo die zeitbezogene Preisdifferenzierung unseren Beobachtungen zufolge noch nicht sehr ausgeprägt und verbreitet ist.

Preisdifferenzierung

Zeitbezogene Preisdifferenzierung in verschiedenen Branchen.
Quelle: © UCS GmbH

Zeitbezogene Preisdifferenzierung: Stromanbieter

Nehmen wir das Beispiel der Stromanbieter. Bei einer Exkursion ins Silicon Valley mit Alumni und Studierenden der PFH Private Hochschule Göttingen vor fast 10 Jahren haben wir auch den französischen Konzern Schneider Electric besucht. Wir haben dort ein Modell der intelligenten Stromversorgung kennen gelernt, bei dem über Smart Grids in ca. 30.000 Haushalten in Kalifornien der Stromverbrauch tageszeitabhängig beeinflusst wird.

In Zeiten sehr hoher Stromnachfrage werden nicht zwingend notwendige elektrische Verbraucher digital abgeschaltet oder herunter geregelt (etwa die Tiefkühltruhe oder die Klimaanlage). Und wenn nachts um 3 Uhr ein hohes Stromangebot auf eine geringe Nachfrage stößt, wird die Tiefkühltruhe wieder von – 18 ° auf – 22 ° gekühlt. Der Strompreis ändert sich also im Tagesablauf, um die Nachfrage in gewissen Grenzen zu beeinflussen – ein Modell, über das unser Wirtschaftsminister inzwischen auch nachdenkt.

Negative Preise für Elektrizität

Wir haben ja inzwischen gelernt, dass die Dunkelflaute zu Schwierigkeiten führt: wenn weder die Sonne scheint noch der Wind weht, dann stockt die Versorgung mit Öko-Strom. Umgekehrt gibt es bei gutem Wind und strahlender Sonne an einem Sonntag-Nachmittag ein Überangebot an alternativ gewonnenem Strom, so dass es an der Strombörse zu negativen Preisen kommt. Wenn ich dann mein Elektro-Fahrzeuge lade, legt der Stromanbieter noch etwas oben drauf.

Leider funktioniert das in der heutigen Infrastruktur noch nicht wirklich. Aber es ist eine Frage der Zeit, wann diese Art der zeitlichen Preisdifferenzierung genutzt wird, um die Allokation elektrischer Energie intelligenter zu gestalten.

Und das wird auch für andere Arten von Gütern gelten: Sie sollten damit rechnen, dass die technischen Möglichkeiten zu einer Vielzahl von Optionen der zeitbezogenen Preisdifferenzierung führen wird. Bereiten Sie sich also schon mal entsprechend vor. Und wenn es in Ihrer Branche bereits praktische Beispiele gibt, freue ich mich über eine Nachricht.

Mit besten Wünschen und bis zum nächsten Pricing-Newsletter – und vielleicht sehen wir uns ja bald in Hamburg in einem meiner Pricing-Seminare?

Ihr Prof. Dr. Hans-Christian Riekhof

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