Pricing-Newsletter No. 57 (2022): Value Pricing – Mit Heavy User Workshops die Werttreiber identifizieren

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Value Pricing ist in aller Munde: Der bei den Kunden erzeugte Wert – oder auch die Wertschätzung – soll zum Ausgangspunkt des strategischen Pricing gemacht werden. Doch wie kann man die Werttreiber aus Kundensicht mit einer pragmatischen Methodik erfassen?

Wir haben sehr gute Erfahrungen mit Kunden-Workshops gesammelt, und zwar mit denjenigen Kunden, die ein Unternehmen und dessen Produkte oder Lösungen sehr gut kennen – den Heavy Usern. Darum geht es in unserem Pricing-Newsletter No. 57.

Viel Freude bei der Lektüre wünscht Ihnen

Ihr Prof. Dr. Hans-Christian Riekhof

Prof. Dr. Hans-Christian Riekhof

Beim Value Pricing soll der bei den Kunden erzeugte Wert bzw. die Wertschätzung Basis des strategischen Pricing werden. Doch wie kann man die Werttreiber aus Kundensicht mit einer pragmatischen Methodik erfassen? Wir haben gute Erfahrungen mit Kunden-Workshops gemacht, bei denen man Heavy User einlädt.

Lassen sich Kunden-Workshops für das Pricing Research nutzen?

Zunächst mag es für den einen oder anderen Leser befremdlich erscheinen, Kunden-Workshops für die Preis-Forschung zu nutzen. Mancher denkt bei der Preis-Forschung zuerst an großzahlige Markt-Umfragen, an ein komplexes experimentelles Untersuchungs-Design im Labor oder an Online Preis-Tests.

Dabei geht es ja gar nicht darum, den einzig „richtigen“ oder „optimalen“ Preis herauszufinden, das wäre viel zu kurz gesprungen. In Kunden-Workshops kann man sich dem Pricing am besten von einer anderen Seite her nähern, nämlich von den Werttreibern.

Value Pricing: die Werttreiber herausfinden

Es gilt, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, welche Rolle die eigenen Produkte und Services mit ihren besonderen Eigenschaften beim Kunden spielen. Kommt es beim Kunden in den Abläufen häufig zu Fehlern, zu Verzögerungen, zu Beschwerden, sind die Prozesse intransparent oder schlecht messbar, sind sie zu teuer oder dauern sie zu lange? Welchen Beitrag leisten da die eigenen Produkte und Lösungen? Führen Ihre Leistungen dazu, dass Ihre Kunden die eigenen Produkte teurer verkaufen können?

Kunden-Workshops

Kunden-Workshops lassen sich für das Value Pricing und die Werttreiber-Analyse nutzen. Foto: Foto: Andrea Piacquadio/Pexels

In einem Workshop für einen Hersteller von Hochtemperatur-Sensoren konnten wir herausfinden, wie wichtig den Betreibern von Hochtemperatur-Öfen (im Bereich von 1.200 Grad) die zuverlässige, dokumentierte und validierte Kalibrierung der Temperatur-Sensoren und die Messung innerhalb sehr enger Toleranzen ist und welche dramatischen Konsequenzen hier Mess-Ungenauigkeiten haben können.

Die Werttreiber wurden klar erkannt und auch benannt, und die Ableitungen für das strategische Pricing lagen dann mehr oder weniger auf der Hand – der Preis der Sensoren ist überhaupt nicht entscheidend, der validierte Gesamt-Prozess erzeugt den Wert der Problemlösung.

Hypothesen zu den Werttreibern aufstellen: die interne Vorbereitung

Extrem wichtig ist die gute Vorbereitung dieser Kunden-Workshops. Wir führen hier grundsätzlich mit einem internen Team Hypothesen-Workshops durch, d.h. wir erarbeiten (ggf. auch kontroverse) Annahmen darüber, wie die oben beschriebenen Wirkungs-Mechanismen aussehen könnten, wo die Werttreiber liegen und worauf die Kunden vermutlich großen Wert legen.

Heavy User Workshops: Die richtigen Teilnehmer zusammenstellen

Eine kritische Aufgabe ist die richtige Auswahl und Zusammenstellung der Teilnehmer. Wir empfehlen, hier auf sog. Heavy User zurückzugreifen, d.h. auf Kunden, die das eigene Produkt mit seinen Stärken und Schwächen seit langem kennen.

Was man von Taxifahrern lernen kann

Machen Sie einmal die Probe aufs Exempel: Wenn Sie wissen wollen, ob das DSG-Getriebe im VW Touran eine vernünftige Qualität und Lebensdauer hat, befragen Sie drei oder vier Taxifahrer. Das ist natürlich keine repräsentative Studie. Aber Sie erfahren auch nebenbei, ob die Kulanz-Regelungen bei VW im Vergleich zu Mercedes zufriedenstellend sind. Und Sie sehen, wie auskunftsbereit viele Heavy User sind. Es versteht sich, dass Sie damit erste Einsichten erzielen, aber keine repräsentative Umfrage ersetzen können.

Heavy User

Heavy user: Taxifahrer mit einem mehr oder weniger uralten Mercedes
es. Foto: pixabay.com

Nicht einfach zu beantworten ist die Frage, ob man Teilnehmer nur aus einem Unternehmen (oder Konzern) einlädt oder ob man auch Experten aus mehr oder weniger konkurrierenden Firmen für den Workshop gewinnen sollte. Wir haben im Bereich von Nutzfahrzeugen und Transport-Unternehmen gute Erfahrungen damit gemacht, Teilnehmer aus unterschiedlichen Regionen einzuladen, da hier keine direkte Wettbewerbs-Situation vorlag. Hier wird man also sehr stark auf die Branchen-Situation schauen müssen.

Den Teilnehmern interessante Branchen-Insights anbieten

Bei der Zusammenstellung des Programms (in der Regel reichte uns ein halber Tag) haben wir immer Wert darauf gelegt, dass es auch einen quasi „neutralen“ Tagesordnungs-Punkt gab, zum Beispiel einen spannenden Vortrag eines Key Note Speakers zu einem aktuellen Branchen- oder Management-Thema. Die Teilnehmer haben so die Chance, auch für sich persönlich interessante Erkenntnisse mitzunehmen.

Ein attraktives Rahmenprogramm: situative Erlebnistiefe erzeugen

Die Attraktivität des Workshops lässt sich natürlich auch durch das Rahmen-Programm steigern. Für die Transport-Unternehmer fand der Workshop auf dem Nürburgring statt, und zwar am Vortag eines Truck Race. Der Besuch im Fahrer-Lager und eine Taxi-Fahrt auf dem Nürburgring in einem Race Truck sorgten – zielgruppengerecht – durchaus für die situative Erlebnistiefe.

Truck Race

Events mit situativer Erlebnistiefe runden den Customer Insights Workshop ab. Foto: MAN Truck & Bus SE

Neutrale Moderation: Kontroverse Diskussionen ermöglichen

Während des eigentlichen Workshops ist es wichtig, dass kontroverse Diskussionen möglich sind und unterschiedliche Sichtweisen miteinander abgeglichen werden. Hier helfen die vorab erarbeiteten Hypothesen, die eher indirekt als direkt zur Diskussion gestellt werden, die aber der Diskussion eine klare inhaltliche Richtung vorgeben.

Hilfreich und fast unabdingbar ist auch eine neutrale Moderation. Gerade wenn Kritik an den eigenen Produkten aufkommt, neigen manche Mitarbeiter des gastgebenden Unternehmens dazu, unnötigerweise eine Verteidigungs-Position zu übernehmen.

Die Erkenntnisse dokumentieren

Gerade die Hypothesen bilden das Grundgerüst, um die Erkenntnisse aus dem Workshop zusammen zu fassen. Vielleicht müssen sie in der Folge auch ausdifferenziert werden, vielleicht erscheinen manche Annahmen als direkt widerlegt, vielleicht entsteht der Wunsch, in einer Folgestudie bestimmte Faktoren und Bedingungen weiter zu quantifizieren.

Fassen wir zusammen: Heavy User Workshops sind bei professioneller Vorbereitung und Durchführung ein einfaches und letztlich kostengünstiges Werkzeug für die Werttreiber-Analyse. Es könnte in der Praxis viel öfter Anwendung finden.

Mit besten Wünschen und bis zum nächsten Pricing-Newsletter – und vielleicht sehen wir uns ja demnächst in Hamburg in einem meiner Pricing-Seminare?

Ihr Prof. Dr. Hans-Christian Riekhof

Nehmen Sie an unserem Pricing-Seminar teil!

Nächster Termin in Hamburg: 24./25. Oktober 2019

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